
Preisträger der Vorjahre
Da ist nichts leer, alles voll Gewimmels
»Unser Theater ist die Stadt« liest man auf den Werbematerialien des freien Theaterensembles »Kulturfiliale«. Und mitten im Gewimmel der Stadt wurde es noch einmal thematisiert: Das Schicksal des Mannes, der im Frühjahr 2008 auf einem Hochsitz im Solling verhungert aufgefunden worden war. »Da ist nichts leer, alles voll Gewimmels. Autopsie einer Auslöschung« übertitelte die Kulturfiliale ihre theatrale Dauerinstallation. Der Schauspieler Philippe Goos verbrachte dafür im Herbst 2009 sechs Tage auf einem Hochsitz in der Fußgängerzone Hannover. Er verkörperte einen zutiefst vom Leben Enttäuschten, von Familie und Staat verlassen, der als letzten Ausweg den Freitod wählt.
Die mutige Inszenierung bewegte die Menschen noch einmal auf besondere Weise. Realisiert wurde das Projekt mithilfe des schauspielhannover, der Stiftung Kulturregion Hannover und des Kulturbüros der Landeshauptstadt Hannover. Nun wird das Projekt retrospektiv mit dem Kulturpreis »pro visio« der Stiftung Kulturregion Hannover ausgezeichnet.
Die Jury aus Kultursachverständigen hob hervor, dass die letzten Tage eines am Leben Gescheiterten nicht nur aufgeführt, sondern auf bewegende Art und Weise für alle miterlebbar gemacht wurden. Das Projekt hat den Zeitgeist tief an der Wurzel getroffen.
Mehr Informationen: www.kulturfiliale-hannover.de
Mozart goes Rap
Eine mutige Vision, die die Initiatoren da hatten: Oper, Rap und HipHop mischen; Jugendliche aus vorwiegend sozial benachteiligten Stadtteilen gemeinsam mit professionellen Opernsängern auf die Bühne stellen; Mozarts »Entführung aus dem Serail« als Schmelztiegel für Hochkultur und Jugendszene nutzen.
Mit dem MusikZentrum Hannover, der Landeshauptstadt Hannover, der Staatsoper Hannover und dem Evangelische Jugenddienst fanden starke Kooperationspartner zusammen. An der RapOper »Culture Clash - Die Entführung« beteiligten sich etwa 100 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren und begannen bereits ein halbes Jahr vor der Aufführung Bühnenbilder zu bauen, Kostüme zu gestalten, Tanzschritte und Texte zu üben. An der Dramaturgie und dem Arrangement arbeiteten Profis wie Marc Prätsch, Christof Littmann, Ulrich Lenz und der Rapper Spax.
Für preiswürdig hielt die Jury sowohl die Idee zur RapOper als auch deren grandiose Umsetzung im Juli 2008. »Der Kontrast und die unerwartete Verschmelzung der Genres sowie der große Einsatz der Initiatoren, der zur Überwindung unterschiedlichster Barrieren führte, haben ein einzigartiges Erlebnis auf der Opernbühne möglich gemacht«, heißt es in der Begründung der Jury. Das MusikZentrum Hannover empfängt den Kulturpreis stellvertretend für die Kooperationspartner.
Mehr Informationen: www.musikzentrum-hannover.de
Frech-kritisches Fotoportrait von Hannover
Der Künstler Uwe Stelter erhielt für seine über mehrere Jahre angelegte Fotoreihe »Eine Stadt - Metropolitaner Weltspaziergang« den pro visio-Preis 2008. Das außergewöhnliche Projekt beleuchtete Hannover von einer ganz neuen Seite, indem es frech, kritisch und hintergründig mit dem vorgefundenen Stadtbild arbeitete.
Stelter untertitelte eine Ansicht des Maschsees mit St. Petersburg, transferierte den Nds. Landtag nach Rom und verortete den Glasturm der Nord/LB in Toronto. Er täuschte mit seinem Kunstprojekt die Sehgewohnheiten auf bekannte Bauwerke seiner Heimatstadt. Zeitweise bespielte der Künstler mit den verfremdeten, großformatigen Motiven in städtischen Leuchtkästen die ganze Stadt.
Mehr als 40 Fotomotive seiner Heimatstadt veröffentlichte Uwe Stelter bislang - eine präzise, phantasievolle und nachhaltige künstlerische Auseinandersetzung, die eine Auszeichnung verdient hat, befand auch die Jury.
Mehr Informationen: www.uwestelter.com
Im Jahr 2007 wurde der Kulturpreis »pro visio« nicht verliehen.
Berührendes Erinnerungswerk
Mit seiner künstlerischen Ausdruckskraft und Konsequenz überzeugte das Projekt »RosebuschVerlassenschaften« des Künstlerpaars a. + h. j. breuste die Jury.
Im ehemaligen Umspannwerk der PreussenElektra in Ahlem entstand langfristig, beinahe unbeachtet von der Öffentlichkeit, eine beeindruckende künstlerische Auseinandersetzung mit Vergangenem und Vergessenem. Der riesige Raum der Industriebrache bildete die Hülle für ein anrührendes Erinnerungswerk. Zahllose Reste industrieller Produktionen aus allen denkbaren Formen und Materialien wurden von dem Künstlerpaar zusammengeführt, geordnet, konzentriert und verdichtet.
Dem Rhythmus imposanter Pfeiler folgend, fanden sich schließlich im Herzen der Rauminstallation Erinnerungsstücke an den dunkelsten Teil deutscher Geschichte: Namenslisten Deportierter, Fotos von Zwangsarbeitern und meterlange Reihen zahlloser Lazarettbahren bilden den Kern des Ortes der Erinnerung an das Ghetto Litzmannstadt. Vor allem mit der Veranstaltung »Erinnern - Bewahren« am 8. Oktober 2005 erlebte der Raum eine sinnliche Ergänzung durch Musik und Texte, die nachdrücklich im Gedächtnis bleibt.
In seiner Laudatio ordnete der Direktor des Sprengel Museums Hannover, Prof. Dr. Ulrich Krempel das Projekt in das künstlerische Gesamtwerk ein und hob seine herausragende Bedeutung durch die Setzung neuer Konnotationen für verlassene Gegenstände des Alltags hervor.
Einfach gut gemacht
Preisträger des »pro visio«-Preises 2005 wurde das hannoversche freie Theater fensterzurstadt mit seiner Produktion »Ich, Ich, Ich«, die im Jahr 2004 viele Theaterfreunde durch ihre Lebensnähe und Intensität begeisterte. Die Jury der Stiftung beurteilte diese Produktion als ausgezeichnete Leistung der Theaterregie wie auch der Schauspieler. Insbesondere der Spagat zwischen persönlicher Betroffenheit und schauspielerischer Leistung beeindruckte.
Mitten aus dem Leben, aus der eigenen Befindlichkeit heraus, stand das eigene und das fremde Ich im Zentrum dieser theatralen Arbeit. Narzissmen, Egoismen, Demütigungen, Verrücktheiten und vieles mehr, was den alltäglichen konzentrischen Kreis unseres Lebens ausmacht, wurde ausgelotet und beleuchtet.
Dem Ensemble um Ruth Rutkowski und Carsten Hentrich gelang damit eine Gratwanderung zwischen Authentizität und schauspielerischer Ausdruckskraft, die das Publikum in seinen Bann riss.
Angesichts der massiven Kürzungen im freien Kulturbereich betonte Stiftungsvorstand und Regionspräsident Dr. Michael Arndt anlässlich der Preisverleihung: »Wir möchten noch deutlicher auf diesen eher unscheinbaren freien Kulturbereich aufmerksam machen, der so wichtige kulturelle Arbeit leistet und dies in der Regel nach am Rande der Selbstausbeutung.« Die Laudatio hielt H.-Jörg Siewert von Nds. Ministerium für Wissenschaft und Kultur.
Informationen zum Theaterensemble unter www.fensterzurstadt.de
Kunst, die schmeckt
Der Hannoveraner Künstler Dieter Froelich erhielt den Kulturpreis »pro visio« 2004 für sein Projekt Restauration a.a.O. Bereits der Titel bezieht sich auf die Gepflogenheiten, die unsere Ess- und Tischkultur betreffen.
Der Künstler lädt eine begrenzte Zahl von Teilnehmern zu einem Gastmahl ein, dass in perfekter Abstimmung ein Rundumerlebnis besonderer Art bietet. Die Speisenfolge, die in der Regel aus sieben Gängen besteht, wird erst mit der verbindlichen Anmeldung bekannt gegeben. Ebenso der Ort des Gastmahls, der wechselt und garantiert nie mit einem Ort klassischer Gastronomie in Verbindung zu bringen ist. Befremdung und Irritation bieten auch Speisen wie Blauzipfel, Ochsenschwanz und Kuddeln. Es geht dem Künstler um die Rückbesinnung auf Gerichte alter Kochkunst.
Während Dieter Froelich zur Feier seiner Preisverleihung die Gäste im Glasfoyer der Herrenhäuser Gärten bekochte, entspann Henning Queren (Jury) in seiner Laudatio einen vielschichtigen, kunsthistorischen Exkurs über das Verhältnis von Kunst und Speisen. Am Schluss seiner Ausführungen erschien das preisgekrönte Projekt als eine benahe schon logische Konsequenz von Entwicklungssträngen in der neueren Kunstgeschichte.
Informationen zum Projekt unter www.restauration-a-a-O.de
Eine runde Sache
Im Protokoll der Jury heißt es: »Diese überaus erfolgreiche Mischung aus visionärem Umgang mit Neuer Musik im Verbund mit der Schaffung eines völlig neuen und ungewohnten Klangraumes gelang so überzeugend, dass wir uns gefreut haben, unseren Kultur- und Ideenpreis »pro visio« 2003 dem Hannoverschen Musiker Stephan Meier und dem Ensemble S für das Projekt »CIRCUS S« verleihen zu dürfen.«
Für das Projekt mit Neuer Musik wurde im August 2002 im Ambiente der Herrenhäuser Gärten ein Circuszelt errichtet. Dieses temporäre Raumgebilde wurde mit großer Fantasie bespielt: Klänge Neuer Musik bekannter und unbekannter Komponisten erfüllten das Rund des Zeltes und bildeten einen Klangraum ganz eigener Art und fernab aller Standards. Stücke verschiedener Komponisten überlagerten sich und gingen bisher ungehörte musikalische Begegnungen ein. Gegenstände wie Kakteen und Aquarien wurden zu Instrumenten, denen besondere klangliche Eigenschaften zuvor nicht zuzutrauen waren.
Der Vorstand der Stiftung, Dr. Michael Arndt, betonte anlässlich der Preisverleihung: »Wir möchten den Mut und die Fantasie für solche Projekte belohnen, die bereit sind unkonventionelle Wege zu gehen, die mit neuen Ausdrucksformen experimentieren, die ungewöhnliche Orte bespielen und die dabei auch den Kontakt mit ihrem Publikum nicht außer acht lassen.« Die Laudatio hielt Jurymitglied Angela Kriesel.
Informationen zum Projekt unter: www.circus-s.de
Funkenflug und Erleuchtungen
Den allerersten »pro visio«-Preis erhielt 2002 ein Projekt, das Vieles bot: den berühmten überspringenden Funken, Überraschung, Begeisterung, veränderte Wahrnehmung bis hin zur »Erleuchtung« in mehrfacher Hinsicht. »Lux Aeterna - Licht Bilder, Klänge im Ort Völksen« wurde gemeinsam vom Verein Kunst und Begegnung Hermannhof e.V. und der Johannes Kirchengemeinde Völksen veranstaltet.
Das Ausstellungsprojekt brachte im dunklen Monat Dezember auf künstlerisch und konzeptionell überzeugende Weise Licht in den kleinen Ort Völksen bei Springe. Gemeinsam hatten die beiden Veranstalter Künstlerinnen und Künstler angeregt, sich mit dem Thema »Lux Aeterna - Ewiges Licht« auseinander zu setzen.
Es entstanden Schwarzlichtinstallationen, Video-Kunst, Licht-Skulpturen und andere Environments in den Schaufenstern der örtlichen Geschäfte. Überregionale und regionale Künstler wie Raitz von Frentz, Ulla Nentwig; Jobst Tilmann und Antje Smollich wirkten bei dem Projekt mit.
Die bundesweit bekannte Lichtkünstlerin Yvonne Goulbier schuf eigens für den Altarraum der Johanneskirche die Arbeit »love lights« aus schwebenden phosphoreszierenden Christusfiguren. Hier fanden Konzerte, Lesungen und besondere Gottesdienste statt, die sich auf die Kunstaktion bezogen. Allein 1500 Besucher wurden während der Kirchenöffnungszeiten gezählt. Darüber hinaus besuchten unzählige Interessierte aus Nah und Fern den kleinen Ort im Süden der Region Hannover.
In seiner Laudatio berichtet Henning Queren (Jury) über die schönsten Momente und Bilder der Ausstellung.
Informationen zum Preisträger unter www.hermannshof.de











